Natürlich ist es …



…. eine Anmaßung von mir, das Wort Sophia, griechisch für Weisheit, in der Internetadresse dieses Blogs zu verwenden, um ihn von meinen beiden anderen Beitragssammlungen zu unterscheiden. Aber auf Kallos, Sthenos muss logischerweise Sophia folgen.

Etwa bei gewalt’gen Thaten
Läßt sich auch Anmaßung leiden;
Bei bescheidnen Resultaten
Aber sei nicht unbescheiden!

Wenn du nur das Kleinste leistest,
Wird dir’s auch zum Ruhm gereichen,
Wenn du nur dich nicht erdreistest,
Es dem Großen zu vergleichen.

Friedrich Rückert (1788–1866)

Mit der negativen Konnotation von Anmaßung wollte ich mich nicht zufriedengeben und habe im Netz ein wenig gesucht. Zutreffend fand ich diesen Auszug aus „Die programmierte Medizin“ des deutschen Soziologen Gerald Wagner(1998):

Dieses Buch sollte ursprünglich Anmaßungen lauten, weil dieses Wort zwei Bedeutungen hat — und um diese zwei Bedeutungen wird es mir gehen: Die Konstruktion einer Technik ist immer eine Anmaßung im Sinne von: sich ein Artefakt anpassen, es gestalten, es mit (den eigenen) Bedeutungen verändern nach Maßgabe eines Kollektivs, einer Gruppe oder einer begrenzten Anzahl Beteiligter, die in einer gemeinsam geteilten Welt leben und hier Dinge herstellen, sie verändern und in dieser Veränderung auch diese geteilte Welt und sich selbst (re)konstruieren. Aber in solch einer Maßnahme liegt bei denen, die ein Artefakt konstruieren, auch eine Anmaßung im Sinne von Übermut — die Überzeugung, das Artefakt (die Natur, die Anderen) zu beherrschen und die selbstbestimmten Ziele damit zu verwirklichen, also der Kränkung auszuweichen, während der Einbürgerung des Artefakts »seinerseits verlagert, umgelenkt, modifiziert, übersetzt, verraten« zu werden (Latour 1994: 1). Souveränität und Verrücktwerden im Sinne einer Modifikation, eines die Position Veränderns, diese beiden Außmaße der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit sprechen sich in der »Anmaßung« aus.

Und noch etwas: Hier geht es ja nicht so sehr um mich, sondern um Beiträge mannigfaltiger Art, welche zum Teil wirklich von weisen Menschen stammen.

Und wieso schreibe ich überhaupt hier?

Mein Vater, verstorben 2020, hat immer wieder kluge Gedanken, welche sehr oft auch schmerzhafte Wahrheiten waren, geäußert. Manchmal sprach er sie aus, öfteres schreib er sie aber spontan auf kleine Notizzettel, seltener in sein Tagebuch. Die meisten Zettelchen landeten früher oder später im Papierkorb, mit fortschreitenden Alter wurde seine unfallbedingt schwer lesbare Schrift immer unverständlicher bis ich gar nichts mehr entziffern konnte.

In meinem Alltag verspüre ich sehr oft das Bedürfnis, Gedanken, Überlegungen und Betrachtungen, manchmal auch Erlebnisse festzuhalten. Themen, die nicht mit Weinbau zu tun haben und auch über den Kinsele-Oberbozen-Blog hinaus gehen. Dieser Drang geht parallel mit dem Wunsch, etwas gegenständliches oder auch immaterielles zurückzulassen, das mehr Bestand haben wird als ich selbst. Und manchmal möchte ich diese Themen auch mit anderen teilen, weshalb der eine oder ander Beitrag auch freigeschalten wird.

Als ich im Juli 2022 wieder einmal während einer Arbeit im Weingarten, welche keine besondere Konzentration bedurfte, Podcasts hörte, wurde der deutscher Unternehmer und Politiker Gustav von Mevissen (1815-1899) zitiert:

Mehr und mehr entfremde ich mich dem materiellen Streben, stärker und stärker erwacht die Neigung, mich ganz in das Leben des Geistes zu versenken.

In diesem Moment sprach er mir sehr aus der Seele.